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Was ich über ihn weiß....

Er ist sanft, er ist mitfühlend und verständnisvoll. Wenn er kommt wird der triste und trübe Stationsalltag ein Stück bunter und lebenswerter. Er gibt einem das Gefühl das liebenswerteste Lebewesen zu sein, obwohl man grade das genaue Gegenteil ausstrahlt. Er verurteilt nicht. Er lässt geschehen was sich nicht aufhalten lässt. Er hilft wenn er kann. Manchmal hört er einfach nur zu. Und wenn er dann nach langem Schweigen diesen einen Satz sagt, hat man fast das Gefühl er wäre derjenige der Trost braucht: "Es tut mir unendlich leid, dass es Ihnen so schlecht geht!" Dann kann er wieder sehr stark sein. Selbstbewusst, ein bisschen unnahbar. Er verbietet mir das Schneiden nicht, er duldet es. Er weiß ich kann nicht anders. Er passt auf, dass es nicht zu schlimm wird. Und gibt mir damit ein ganz neues Gefühl.
Ich weiß, dass es unsere Begegnungen waren, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

Was ich über mich weiß....

Leider nicht sehr viel. Genau wissen tu ich über mich nichts. Alles was ich denke zu wissen, kann ich nur vermuten.

Ich glaube ich kann fühlen. So 10min am Tag schleicht sich so etwas ein, was man Energie nennen könnte. Ich glaube ich kann stark sein und selbstbewusst. Ich habe Stolz und davon manchmal etwas zu viel. Ich glaube manchmal kann ich richtig liebenswürdig sein. Zumindest schaffe ich es immer wieder die Pfleger zum Lachen zu bringen. Manchmal bin ich vermutlich auch bemitleidenswert. Das erkenne ich an den traurigen Blicken, die mir die Pfleger zuwerfen, wenn ich tränenüberströmt und blutend vor ihnen stehe.
Ich glaube ich mache Fortschritte. Ich lasse meine Wut langsam raus und richte sie nicht nur gegen mich.

Was ich aber ganz genau weiß....

ich werde in ca. 4-6 Wochen entlassen. Nicht als geheilt, sondern als therapiefähig. Ein wackeliges Vorhaben. Es kann nach hinten losgehen.
Ich weiß auch, dass wir nie zueinander finden würden. Er ist mein Pfleger, ich die Patientin. Er sieht nicht die Frau in mir, sondern das junge Mädchen, was zerzaust und weinend vor ihm steht, den Körper übersäht mit Schnittwunden. Er sieht das Mädchen, was ihm emotionslos von Selbstmordgedanken erzählt und er sieht seinen Job und überlegt das Mädchen auf eine Akutstation zu verlegen. Wären wir uns zu einer anderen Zeit unter anderen Umständen begegnet, hätte er mich vielleicht mit anderen Augen gesehen.

Ich glaube ich kann es schaffen....

4.1.09 00:47
 


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