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Bekanntschaft mit Station 5.4 B

Das Krankenhaus liegt auf einem Berg, mitten in der City. Hier bin ich geboren. 22 Jahre später marschiere ich wieder hier rein. Und suche die Psychiatrische Abteilung. Davon gibt es direkt vier Stück. Mit etwas Suchen finde ich die für mich richtige Station. Während ich mich noch suchend umschaue, kommt eine ältere Dame auf mich zu und meint: "Sie sind bestimmt die, die zum Vorgespräch kommt- Sie schauen so suchend!" ja, ich bin die.....
Ich soll kurz warten und schaue mich währenddessen ein wenig um. Alles scheint straff durchorganisiert. Immer zu zweit hat man Essensdienst, Küchendienst und so Späße. Jeden Tag wird etwas kontrolliert, ausgemistet oder aufgeräumt. Ich verdrehe innerlich die Augen. Die Wände sind vollgepappt mit Bildern und mut machenden Sprüchen.
Die Station an sich ist klein. Ca. zehn Zimmer, ein Gemeinschaftsraum und eine Essnische. Alles eher altmodisch eingerichtet, es riecht ein wenig muffig und eben nach Krankenhaus. Ich komme mir vor wie in einer anderen Welt und fühle mich unbehaglich, habe das Gefühl das ich eingeschlossen bin und will unbedingt raus. Zu spät. Die Dame von eben (Frau A) kommt wieder, mit einem Mädel was nicht viel älter ist als ich, dafür aber ca. 200kg schwerer und die Praktikantin darstellt.
Wir gehen zum Gruppentherapieraum der leer ist. Frau A rückt einen Tisch und drei Stühle zurecht und dann sitzen wir da. Die beiden vor mir mit einem Klemmbrett und Stiften bewaffnet, bereit dass ihnen keine Körperregung, kein geheimes Zeichen meinerseits entgeht. Ich fühle mich noch unwohler wie eben auf dem Flur. Frau A wirft einen Blick auf meine Einweisung und meint, dass Suizidgedanken ja schon dringend seien, ob ich nicht mal an eine Noteinweisung gedacht hätte. Ich erwiderte nur, wenn sie mir erklären würde, was eine Noteinweisung sei, dann könne ich ihr die Frage beantworten. Sie meint: "Das ist ähnlich wie hier- aber da ist dann alles abgeschlossen!" dabei lächelt sie zuckersüß, während ich mich versteife. Geschlossene ohne mich. Ich lächel ebenso zuckersüß und betone, dass ich nicht vorhätte, mich in den nächsten zwei Stunden aus dem Fenster zu stürzen. Sie nickt und beide schreiben eifrig. Ich frage mich, ob ich mit dieser Antwort wohl gepunktet oder eher verschissen habe und komme mir gleichzeitig vor wie bei einem Bewerbungsgespräch. Ätzend. Frau A möchte allerlei wissen. Wie lange ich schneide, wann ich schneide, wie tief die Wunden sind. Ich zeige ihr meine Arme, wo noch die restlichen Wunden der vergangenen Tage mühsam am abheilen sind. Beide- Frau A und das Mondgesicht - starren interessiert auf meine Arme. Man kommt sich leicht dumm vor bei so etwas. Irgendwann reicht es mir und ich ziehe die Ärmel wieder hinunter. Sie erwähnt, dass es mit dem Schneiden auf der Station schon schwierig sei, da die Station ja offen sei und ich somit in gewisser Weise die Möglichkeit hätte zu schneiden. Und es könnte ja auch sein, dass man mal genäht werden müsste. Ja und? Wo liegt das Problem? Wir sind mitten in einem Krankenhaus, da wird sich doch jemand finden, der einen Schnitt nähen kann zur Not? Dann fragt sie mich eindringlich: "Mussten Sie schonmal genäht werden?" ich verneine und füge im Stillen hinzu: Ich war ja auch noch nie beim Arzt mit frischen Wunden. Ich bin sehr auf der Hut, passe auf was ich erzähle und was bei ihr wie ankommen könnte. Sie fängt an auf meinem Liebesleben rumzuhacken. Sorry, aber von IHM will ich ihr nichts erzählen. Ich kenne die Frau keine 30min, da fange ich nicht an, mein Intimleben dort auszupacken. Das Mondgesicht guckt mich schief von der Seite an und ich überlege kurzzeitig ihr die Zunge raus zu strecken, entscheide dann aber, dass das nicht sehr förderlich ankommt.
Dann ist das Gespräch vorbei. Beim Verlassen des Raumes fällt Frau A´s Blick auf ein auf dem Boden liegendes Bonbonpapier und sie ruft ganz entzückt: "Ach schauen Sie mal da hat jemand sein Bonbonpapier liegen gelassen!" was soll man darauf sagen? Ich lächel nur.
Meiner Aufnahme nächsten Montag würde so weit nichts mehr im Wege stehen. Das Ganze müsste noch mit Kollegen abgeklärt werden und dann könne ich Mittwoch nochmal anrufen und mir das Ok abholen. Ich weiß gar nicht mehr richtig, ob ich mich da drüber freuen soll.
Mir wird die Stationsleiterin vorgestellt- eine sehr nette, offene Frau, die mir die Station zeigen will. Viel zu zeigen gibt es dort nicht. Auf Grund der "Weitläufigkeit" der Station 5.4 B, bewegen wir uns 3m nach vorne und 3m nach Hinten und bleiben ansonsten auf einem Fleck stehen. Sie zeigt mir den Gemeinschaftsraum mit TV, wo drei Damen um die 50 sitzen und stricken. Fettige Haare, Jogginghose....sie starren mich an. Die Stationsleiterin steht mit mir im Türrahmen und meint: "Das ist eine Patientin in spe, die Frau N" und alle mumeln im Chor ein "Hallloooooo". Ich grüße locker in die Runde, in der Hand mein Flyer von der Station und irgendwie komm ich mir vor wie eine Touristin. Es gibt Zweibettzimmer, die Station nimmt maximal 16 Patienten auf und die Aufnahmedauer geht von zwei Wochen (Minimum) bis zwei Monate. In den ersten zwei Wochen darf - so wie ich das verstanden habe - kein Besuch empfangen werden. TV gibt es auch nicht auf den Zimmern und um 7:30 Uhr beginnt der Tag mit einem "strammen Morgenspaziergang". Auch das alles löst keine Begeisterungsstürme in mir aus, ebensowenig wie die Aussage, dass man einmal in der Woche zusammen backt, zwei Mal in der Woche Einzeltherapie stattfindet und zwei Mal die Woche Gruppentherapie. Der Rest vom Tag ist dann verplant mit individuellen Therapieformen wie Basteln, Musik, Bewegungs, Traum, Lichttherapie. Schwimmen kann man und sich mit Hilfe eines Physiotherapeuten fit halten.
Nach insgesamt einer Stunde kann ich gehen. Ich fühle mich zittrig und aufgelöst und eile schnell zum Aufzug. Drunter liegt die Geburtenstation, drüber die Intensivmedizin. Wahnsinn. Unten wird neues Leben geboren, oben wird um Leben gekämpft und in der Mitte landen die, die sich noch nicht so ganz entscheiden können.
Die Leute im Aufzug mustern mich kritisch als ich einsteige und auch noch den Flyer mit der Aufschrift "Psychiatrische Abteilung" in der Hand halte. Aber an die Blicke hat man sich ja schon gewöhnt.
So froh war ich noch nichtmal im Sommer als ich die Herzprobleme hatte, wieder aus dem Krankenhaus draußen zu sein.

Abends, als sich die  Eindrücke etwas legen und die Aufregung abfällt, kommen die großen Bedenken. Weg von Freunden....weg von meiner gewohnten Umgebung....weg von allem. Da rein???? Ich kriege Panik, wälze mich im Bett herum und bin heilfroh, am Freitag einen Termin bei meinem Therapeuten zu haben. Ich habe mich ja immer gefragt, ob mein Therapeut nicht vielleicht auch manchmal ein wenig komisch ist, oder ob er noch normal ist. Seit dem Termin im Krankenhaus weiß ich 100%: Mein Therapeut ist normal und zwar so was von normal........

Heute Morgen habe ich dann in der Praxis bei ihm angerufen, ich wollte meinen Termin für Freitagabend nochmal bestätigen, weil er bestimmt dachte ich sei schon im Krankenhaus. Die Sprechstundenhilfe nimmt ab und als ich ansetze und meine: "Können Sie dem Herrn Doktor vielleicht ausrichten das...." unterbricht sie ich mit einem: "Nein!" als ich verwirrt nachfrage erklärt sie mir, dass mein Therapeut erkrankt sei und die ganze Woche nicht in der Praxis sei. Natürlich. Es wäre doch ein Wunder gewesen, wenn mal etwas glatt gelaufen wäre oder? Ich erkläre ihr, dass es dann ein wenig dauern wird bis ich mich wieder melde, da ich ab nächster Woche im Krankenhaus sei. Sie meint nur: "Da ist der Herr Doktor auch noch nicht in der Praxis!" und irgendwie kriege ich Panik dabei. Eine einfache Grippe scheint es ja nicht zu sein und als ich ihn letzten Donnerstag gesehen habe war er noch kerngesund. Ich weiß aber auch, dass er vor kurzem bereits eine OP hatte und auch Herz-Kreislaufprobleme hat.
Ich kriege Panik, dass er was schlimmes hat, dass er vielleicht die Praxis nicht mehr aufmachen kann, dass es ihm sehr sehr schlecht geht. Mit Mitte 50 ist er ja auch nicht mehr soooooo jung. Diese Panik macht mir mehr zu schaffen wie die Angst vor der Klinik. Immerhin hatte ich bis dahin immer im Hinterkopf, dass mein Therapeut erreichbar sei im Notfall. Nun weiß ich gar nichts. Ich habe wirklich große, große Angst und mache mir große große Sorgen.
Da merke ich, WIE wichtig er mir als Bezugsperson geworden ist. Als Stütze. Der Gedanke, ihn nicht mehr an meiner Seite zu haben erscheint im Moment in der jetzigen Situation als blanker Horror. Er war immer der Starke, wo ich hingehen konnte wenn es mir schlecht ging. Ich konnte bei ihm alles abladen und alles abwerfen was mich belastet hat und er hat es in einer unheimlich coolen und ruhigen Art aufgefangen. Er war immer der Starke, den nichts umwerfen konnte. In dem 3/4 Jahr, seitdem ich dorthin gehe, war er noch nie krank. Öfters mal im Urlaub, aber nie krank....
Ich hoffe wenn er das wüsste, dann würde er es zu schätzen wissen, wo er ja öfters mal betont hat, dass er den Eindruck hat ich sitze meine Stunden just for fun dort ab.

Mir hilft das so direkt leider nicht weiter und macht die Situation auch nicht einfacher.
21.10.08 18:05
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Delilah / Website (21.10.08 19:33)
"Unten wird neues Leben geboren, oben wird um Leben gekämpft und in der Mitte landen die, die sich noch nicht so ganz entscheiden können. "
*lol* :D Also, wie du den Besuch auf der Station beschreibst, ich musste echt dauernd grinsen und öfter mal lachen. Obwohl sich das Ganze eher gruselig anhört, wenn man bedenkt, dass du da praktisch ne Weile leben sollst... Wow, ein Bonbonpapier. x)
Flyer hört sich auch toll an, nach dem Motto "Lebst du noch oder spinnst du schon?"

Das mit dem Therapeuten ist natürlich mies... Die Sprechstundenhilfe darf dir wohl auch nicht sagen, was da genau los ist und so eine Ungewissheit kann ganz schön zehren. Ich hoff mal mit dir, dass es nichts Schlimmes ist - den Typen kenn ich ja nicht, insofern gehts mir hauptsächlich um ihn als deine Bezugsperson.

Btw, das "Weg von allem", wovor du so Angst hast, ist vielleicht gar nicht so schlimm, nur find ich die Klinik nach deiner Beschreibung irgendwie fragwürdig. oO Hoffen wir mal, die wissen, was sie da tun.

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