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Was ist schon normal?

Ich werde wach durch das aufdringliche Weckerklingeln am Bett neben mir und das erste was ich rieche ist der sterile Krankenhausgeruch. Ich rümpfe die Nase und will mich nochmal umdrehen. Meine Bettnachbarin macht ächzend das Licht an ihrem Bett an. Ich blinzel und ziehe mir die Decke über den Kopf, aber eigentlich habe ich längst erkannt, dass der Kampf aussichtslos ist. So wie jeden Morgen.
Sie steht auf und geht ins Bad. Ich drehe mich um. Mein Bett quietscht und das harte Laken raschelt. Als ich vorsichtig die Augen öffne wird mir klar: Ich bin immer noch hier. Station 5.4 B - Psychiatrie im Krankenhaus. Aktuabteilung. Ich sehe die weiß/gelben Wände die kahl sind und die grünlichen Schränke, die ihre beste Zeit längst hinter sich haben.
Wenn ich das Fenster aufmache und das Rollo hochziehe, kann ich sehr weit gucken, die halbe Stadt überblicken und gucke vom Berg wo das Krankenhaus steht ein paar km weiter auf einen anderen Berg. Dort geht grade die Sonne auf. Ich gucke runter auf den Haupteingang. Schon wieder steht ein Rettungswagen vor der Notaufnahme, schon wieder höre ich das Martinshorn. Ein neuer Tag bricht an. Ein neuer Tag von wievielen noch?
Ich schleppe mich ins Bad, ziehe nur eben schnelle meine Trainingsjacke und eine Jogginghose an. Längst habe ich mich dran gewöhnt, Jeans und Pullover gegen legere Sachen zu tauschen. In der Trainingsjacke habe ich meinen Aufstieg gefeiert, mich vor wichtigen Spielen warm gemacht. Jetzt kommt sie mir vor wie ein Mitbringsel aus einem alten Leben. Handball? Schon lange nicht mehr. Bandscheiben kaputt, Knie kaputt, Psyche kaputt.
Um 7:30 Uhr laufen wir los. Wir- die 18 Leute von Station 5.4B und eine Begleitperson vom Pflegepersonal. Wir laufen jeden morgen die gleiche Runde ums Haus. Eine festgeschriebene Route, vorbei an einem Wohngebiet, dem Wirtschaftshof und über den Hubschrauberlandeplatz vom Krankenhaus. Jeden Morgen die gleichen kritischen Blicke der anderen Mitarbeiter und Patienten. Wir sind bekannt im Haus. Jeder weiß, dass wir es sind, die von "da oben" kommen. Die ersten Meter schleppe ich mich mühsam voran. Reden? Jetzt? Um Gottes Willen. Es ist kalt. Ich will wieder ins Bett. Eine Mitpatientin versucht mit mir ein Gespräch zu beginnen, aber ich erkläre ihr, dass ich 10min nachdem ich wach geworden bin, noch nicht sonderlich redselig bin. Als wir nach 15min wieder am Krankenhaus ankommen ist mir warm und ich bin ein wenig wacher.
Dann wird gefrühstückt und um 9 Uhr der Tag besprochen.
Danach geht man getrennte Wege. Jeder hat einen unterschiedlichen Therapieplan. Manchmal sieht man sich den ganzen Tag nicht, manchmal hat man jede Stunde zusammen. Meine Seele ist so unheimlich müde. Jede freie Minute nutze ich zum Schlafen. Ich will meistens auch gar nicht raus. Nicht im Foyer irgendwelchen schwer kranken Leuten begegnen, mich nicht den kritischen Blicken der Leute im Aufzug aussetzen, die sehen: "Ah Station 5.....Psychiatrie" und die daraus resultierende Schlussfolgerung: Die hat einen an der Klatsche. Nein das will ich nicht. Manchmal tu ich es aber doch....stehe unschlüssig im Kiosk rum, kaufe mir ein Eis und esse locker 2 Tafeln Schokolade in 24 Stunden.
Die Therapien sind hart. Man wird geärgert, die Therapeuten reizen einen bis aufs Äußerste.
Meine Stimmung wechselt so schnell wie die Wolken am Himmel ziehen. In einer Minute ist noch alles toll, in der nächsten alles furchtbar. Nur eins ist jeden Tag gleich: Der Kampf mit meinem inneren Ich. Mit der Krankheit, die mich seit 3 Jahren zerfrisst. Jede Minute geht es nicht nur darum wie ich drauf bin, sondern auch wie die Krankheit drauf ist. Manchmal ist alles friedlich. Dann kann ich lesen, lachen, bin entspannt. Manchmal ist es die Hölle. Dann hasse ich mich, hasse die Welt....dann muss ich Schmerzen spüren.
Auch im Krankenhaus setze ich die Klinge an. Der Effekt ist nicht zu toppen. Wenn das kalte Metall über die Haut schneidet und das erste Blut tropft- dann geht es mir gut. Dann weiß ich: Ich lebe noch!
Danach gehe ich lächelnd wieder raus: Alles prima. Ich und Schwäche zeigen? Niemals. Oder doch? Einmal stand ich direkt am zweiten Tag verheult und völlig am Ende vor dem Schwesternzimmer. Und jeder fragt immer ob es tief ist. Haben Sie tief geschnitten? Woher soll ich das wissen verdammt? Reicht es nicht, dass ich mich überhaupt schneide? Muss es tief sein? Reicht es nicht, dass ich die Schnitte mittlerweile auch über die Pulsadern setze? Muss es erst einmal zu spät sein?
Man will mir in der Therapie Ersatzschmerzen bieten. Heißes Wasser....Chillischoten kauen- das ich nicht Lache. Den Gefallen kann ich leider keinem tun.
Ich bin stark, kämpfe mich von einer Therapie zur anderen, unterdrücke hier meine Tränen, dort meine Wut, mache hier ein Späßchen und führe dort ein Gespräch und wenn ich schonmal dabei bin, dann kann ich ja auch noch eine Mitpatientin trösten, die seit dem Morgen nur am Heulen ist. Man hört sie über die ganze Station. Den ganzen Tag. Und nicht nur sie. Von der Nachbarstation (der Geschlossenen), hört man eine Frau "Hallo" rufen. Auch schon den ganzen Tag. Abends wenn es dunkel wird, geht das Neonlicht an. Kaltes Licht. Dann stehe ich oft in der hintersten Ecke am Fenster und gucke raus. Ich sehe Besuch kommen und gehen. Ich fühle meine Schnitte am Arm und weiß ich habe jemanden, der immer für mich da ist....der mich nicht im Stich lässt. Da kann ich selber bestimmten wer mir weh tut und wie doll. Die Klinge.
Manchmal, wenn sie meinen es ist zu schlimm, ich "rutsche ab", dann gibts eine Tablette. Orange. Klein. Die muss ich dann unter Aufsicht schlucken. Danach ist plötzlich alles ganz einfach. Schlechte Gedanken werden verdrängt. Überhaupt kann man dann nicht mehr richtig denken. Die Gedanken ergeben nur einen Brei. Die Augen fallen zu und die Krankheit scheint sich schlafen zu legen.
Und dann....dann bin ich doch manchmal ganz schwach....dann stehe ich dort und weine. Danach trockne ich mir die Tränen ab, drehe mich um - und gehe lächelnd hinaus.
Ein ganz normaler Tag auf Station 5.4 B
16.11.08 00:39


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